Der erste Marathon (Pneumektomie) … und ein Plan B für den Fall der Fälle.

Startschuss.

Es strömt durch alle Adern – das Mittel welches direkt in den ZVK (zentralen Venenkatheder) gespritzt wurde. Ich höre die Worte der Ärztin „Das ist ein Magenschutzmittel damit Sie durch den ganzen Stress kein Magengeschwür bekommen. Das was Ihr Körper jetzt macht ist ein Marathonlauf…nur ohne Laufen.“
Das war vor 4 Tagen. Morgens. Auf der Intensivstation.

Am Abend vorher hat man mir den linken Lungenflügel entfernt.

Und ja, mittlerweile weiß ich was und wie Sie das meinte. Ich spüre welche Arbeit mein Körper, vor allem mein Herz leisten musste und muss. Auch aufgrund eines erheblichen Blutverlustes während der Pneumektomie OP.
Vor vier Tagen.

Nun sitze ich hier bequem auf meinem Bett, trinke Kaffee und schreibe das mal auf. Kaum Schmerzen, dank der Medis. Keine Atemnot, aufgrund der Vorgeschichte – da mein Lungenflügel wohl eh nicht gearbeitet hat. Es geht mir, entsprechend, gut.
Vieles davon liegt sicherlich an der sehr guten Vorplanung der OP durch die Ärzte und die begleitende Schmerztherapie und Betreuung sowie den ausführlichen Vorgesprächen, welche keine Fragen offen ließen.
In den vier Tagen fand dann ein Großteil des Marathons statt.
Panikattacken. Ruhepuls hoch. Blutdruck noch höher. Fast 2,5l Blutverlust. Mühe aufzustehen und sechs Stunden für ein Frühstücksbrötchen. Merken wie der Körper auf Hochtouren „läuft“, wie Schwestern, Pfleger und Ärzte sich kümmern und es in kleinen Schritten, aber kontinuierlich weitergeht. Die Freundin welche die Hand hält und einen „anfeuert“ und zieht.

Spüren wie der Körper seinen Takt findet. Sich in die Situation findet. Wie wichtig es ist, dass das Team drum rum die richtige Balance findet zwischen Zuwendung und anstupsen. Zwischen Medikamenten zum Abschalten und Wegdämmern und der Aufforderung zum Aufstehen um 15 Schritte auf der Stelle zu Laufen um dann die Intensivstation zu verlassen.

 

Die, meine, Situation war und ist nicht vergleichbar und nicht übertragbar. Aber ein paar Stationen will ich mal aufschreiben, vielleicht helfen Sie jemanden in ähnlicher Situation. Ich habe im Vorfeld auch viel gegoogelt und nur wenig gefunden.

Das ist auch der Grund, warum ich hier etwas sehr persönliches so offen ins Netz stelle.

Aber gerade die Punkte weiter unten sind sicherlich für jeden (Selbständigen) mal eine Überlegung Wert. Aber es ist eine extreme Situation gewesen welche keine „Krankheits-Vorgeschichte“ und auch keine Nachwirkungen hat. Es gab keine „Krankheit“ die bestand oder besteht sondern eine geplante und durchgeführte Operation. Eine Pneumektomie – Entfernung eines Lungenflügels und meine Erfahrungen damit zu leben.

Die Situation: Meine Lunge hat wohl nie richtig funktioniert. Das ist mir aber 45 Jahre lang nicht wirklich aufgefallen. Es gab häufige Lungenentzündungen, mehr aber nicht. Vor drei Jahren hustete ich etwas Blut. Die Untersuchungen im Krankenhaus ergaben: Nasenbluten was sich wohl im Rachen gesammelt hatte. Vor drei Monaten erneut, diesmal etwas mehr, blutiger Husten. Hierzu meinte mein Hausarzt: „Das muss jetzt mal gründlich untersucht werden.“ und überwies mich in Krankenhaus. Dort kam zum ersten Mal, aber eben sehr direkt und schnell, die Überlegung auf, dass die Arterien und Venen nicht richtig angelegt sind. Die weiteren Untersuchungen ergaben, dass mein linker Lungenflügel überhaupt nicht am Gasaustausch und auch nicht/kaum am (inneren) Blutkreislauf teilnimmt. Dadurch hatte ich nach der Operation auch keine wirklichen Probleme mit dem reduzierten Lungenvolumen bzw. der Sauerstoffversorgung. Das ist bei anderen Menschen sicherlich eine gänzlich andere Situation.

Was mir geholfen hat? Jederzeit die Pfleger, Schwestern und Ärzte frage zu können. Vertrauen in andere Menschen zu haben die Ihr Bestes geben. Eine Freundin, nein eine Lebensgefährtin, die Beistand leistet. Festgestellt: Eine Lebensgefährtin ist mehr als eine Freundin.

Während des Wach werden auf der Intensivstation wurde mit mir gesprochen. Jeder Schritt wurde mir, der noch ziemlich sediert war, erklärt. Abends hatte ich zuerst Flashbacks. Ich dachte ich liege wieder im OP. Panik, Puls, Bluthochdruck und Atemnot, auch das wurde ernst genommen.
Atemnot: Sehr trockene Luft, wenig getrunken und die Nase saß durch die OP noch etwas zu. Dazu kam eine sehr weiche Matratze in welcher ich „einsank“ und daher das Gefühl hatte kaum Luft zu bekommen, was natürlich den durch den Blutverlust eh hohen Puls noch mehr erhöhte.
Die Brusthöhle, jetzt ja ohne Lungenflügel, hatte sich recht schnell mit Flüssigkeit gefüllt. Das hat sich sehr komisch angefühlt und den Herzschlag deutlich spürbar gemacht. Hinzu kam die Sorge, dass der Bronchusstumpf vielleicht reisst und wie das wäre. Auch hier halfen erklärende Gespräche durch den Arzt. Die Werte wurden permanent gemessen und waren gut. Die Schmerztherapie mit Tabletten fortgesetzt. Nach einer Woche meinte der Arzt „in 2 Jahren wäre ein Halbmarathon aus seiner Sicht kein Problem“. Ich verstehe mittlerweile warum die Ärztin meinte für meinen Körper wäre es schon jetzt ein ganzer Marathon.

5 Tage nach der Pneumektomie OP fühlte ich mich wirklich gut, aber natürlich noch schwach von der OP.

Nach 10 Tagen wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen.

Update: 5 Wochen nach der Pneumektomie OP. Es geht mir gut und ich baue immer mehr Kondition auf. Keinerlei Atemnot oder Probleme mit der Luft. Die Schmerzmittel habe ich 4 Wochen nach der OP, mit kleineren Entzugserscheinungen, abgesetzt. Jetzt arbeite ich daran weiterhin die Kondition aufzubauen während mein Körper weiterhin den Blutverlust abarbeitet.

Update: 7 Wochen nach der Pneumektomie OP geht es mit richtig gut. Merke kaum noch Einschränkungen was die Kondition angeht. Der Plan ist in zwei Wochen mit dem Joggen zu beginnen und ab Februar auch mit dem Golfen.

Update: 8 Wochen nach der Pneumektomie OP. Der erste 5km Jogginglauf. Nicht schnell aber gut. Ähnliche Zeiten wie in untrainierten Zeiten vor der OP.

 

Was war im Vorfeld zu planen? Klar, es gab eine Menge an diagnostischen Untersuchungen. Die Ärzte wollten möglichst wenig dem Zufall überlassen. Das war sehr gut.

Auch ich selbst musste, insbesondere als Selbständiger, noch einige Dinge planen mit denen man sich in der Regel nicht wirklich beschäftigen will. Testament, Patientenverfügung aber auch einen „Plan B“ für das eigene Unternehmen.

Bei mir ist es so, dass ich als Unternehmensberater für Datenschutz, Internetmarketing und Digitalisierung unterschiedliche Bereiche abdecke. Hier Personen zu haben welchen man entsprechend vertraut ist sehr wichtig. Ich danke hierbei ausdrücklich meiner Freundin Sandra, meiner Mitarbeiterin Esther und insbesondere meinen „Mitbewerbern“ Stephan, mit dem ich eine enge wechselseitige Vertretung im Datenschutzbereich genau für diesen Fall seit längerem eingegangen bin und Stefan, welcher sich sofort bereit erklärte den Bereich Internetmarketing im Fall der Fälle zu unterstützen und Fragen meiner Kunden zu übernehmen.

Was habe ich im Vorfeld gemacht und was sollte vielleicht jeder, Selbständige, regelmäßig für sich planen:

  • Vertretungsregelungen (wer darf was, welche externe Unterstützung wird benötigt)
  • Kontaktdaten für Vertretungen/Unterstützung (Bank, Steuerberater, Subdienstleister, Versicherungs-/Vermögensberater …)
  • Zugriffe auflisten und Zugriffsmöglichkeiten schaffen (bspw. auch für Handy, PC)
  •  Kontenübersicht
  • Organisationshilfen und Anleitungen für Aufgaben
  • Auto-Responder und Mailboxansagen anpassen
  • NO T F A L L H A N D B U C H

Ziel ist es, dass das Unternehmen eine gewisse Zeit (6 Monate) notfallmäßig weitergeführt werden kann und die Kunden und Mitarbeitenden nicht durch die erkrankte Geschäftsführung gefährdet sind.

 

Im schlechtesten Fall sollte eine einfache Abwicklung für Hinterbliebene möglich sein.

• Patientenverfügung (Ich fand diese Vorlage ganz hilfreich und habe sie im Vorfeld mit dem Arzt besprochen, gerade das sollte man situationsbezogen im konkreten, planbaren, Fall machen. http://www.aerztekammer-hamburg.org/patientenverfuegung.html)

• Vorsorgevollmacht (Eine gute Vorlage um sich überhaupt mal grundsätzlich Gedanken zu machen wer was wann für einen entscheiden soll: http://www.bmjv.de/SharedDocs/Downloads/DE/Formulare/Vorsorgevollmacht.pdf?__blob=publicationFile&v=3)

• Bestattungsverfügung (Wie man beerdigt wird ist einem egal? Kann schon sein. Aber den Hinterbliebenen kann es eine enorme Hilfe in der Situation sein zu wissen was getan werden soll – oder was auch nicht. Checkliste und Infos: http://www.iww.de/ee/rechtsgeschaeftliche-vorsorge/bestattungsverfuegung-einzelheiten-zur-bestattung-kann-der-erblasser-zu-lebzeiten-durch-verfuegung-regeln-f63704)

• Testament – ganz wichtig wenn es Kinder und Immobilien gibt! (dazu ausführlich ein Blogbeitrag von Volker Küpperbusch (http://blog.ra-stracke.de/index.php/erbrecht/ich-muss-mein-testament-machen-keine-frage-des-alters-das-testament-fuer-die-junge-familie)